RayFine und die Überdosis Freundlichkeit- oder: Vom Recht auf den gepflegten Griesgram 

Liebes Tagebuch,

RayFine hatte neulich einen sehr seltsamen Tag, der mir nachhaltig zu denken gibt.
Als er zu seiner morgendlichen Laufrunde aufbrach, grüssten ihn sämtliche Jogger mit einem mehr oder weniger weggetretenen, leicht von dieser Erde entrücktem Lächeln.
Bei der Bäckersfrau wurde er als erster bedient, und als die Reinemachfrau im Laden um seine Füsse fudelte sagte sie höflich " Geben Sie doch bitte acht, nicht das sie noch ausgleiten!".
Später im Büro erhielt RayFine einen Anruf von Alice aus China, die sich ungefähr zum 136. Mal dafür bedankte, dass er all die Strapazen mit dem Zoll auf sich genommen hatte, und das Päckchen nun tatsächlich angekommen sein, und überhaupt, all die Unpässlichkeiten, alles ihre Schuld, und ob sie es nicht irgendwie gutmachen könne, wenn sie ihn nach China zum Sushi einladen würde. RayFine konnte sich nur mit Mühe aus der Geschichte herauswinden, in dem er Alice bedächtig und minutiös aufrechnete, dass der zeitliche Aufwand bei aller Spesendeckung und Kostenübernahme von Alice Seite in keinem Verhältnis stünde.
Nach Feierabend wollte sich RayFine ein wenig im Outdoorgeschäft zerstreuen, und ehe er sich versah bekam er von einem freundlichen jungen Mann ein exclusives Angebot für einen wasserdichten Ganzkörperanzug ( tatsächlich so ein Exemplar, wie es sich RayFine auf seiner letzten Begegnung mit dem Wildwasser dringlichst gewünscht hätte). Außerdem beriet ihn der junge Mann sehr kompetent und unaufdringlich und RayFine konnte nicht mal seine "Ihr Sport Geschäftfuzzis mit eurer gestählten Outdoor Perfektion seit mir eh alle über" - Agression anbringen, weil der junge Mann über ein paar sehr unregelmässige Schneidezähne verfügte und RayFine deshalb ein bißchen leid tat.
Bis RayFine schliesslich an seinem Auto angelangt war, hatte sich schon eine gewisse Anspannung in ihm breit gemacht, die er nicht einmal im Strassenverkehr loswerden konnte, da alles flüssig lief, ihn keiner anhupte und man ihm sogar zwei mal ungerechtfertigter weise die Vorfahrt überliess.
Endlich, als er die schützende Tür seiner Wohnung zugeschlagen hatte - nach einem freundlichen "Grüß Gott" und "Schöön habens aber das Treppenhaus geputzt" der Nachbarin- wallte in ihm das dringende Bedürfnis auf, diesem ungeheurem Tag, gespickt mit soviel positiven Ereignissen und Freundlichkeit etwas entgegen zu setzen, und er nahm sich vor, nun endlich den Anruf bei der Zeitung zu erledigen, die neulich sein Wochenexemplar nicht geliefert hatte.
RayFine brannte innerlich, er wollte Blut sehen- zumindest Bedauern und Zerknirschung hören, er wollte die Person am Telefon seinen ganzen Schmach spüren lassen.
Doch kaum wurde das Freizeichen vom Wählton unterbrochen, da erklang auch schon eine überaus freundliche Frauenstimme am anderen Ende. RayFine hatte gerade mal drei Wörter formuliert, als ihn die Dame am anderen Ende schon mit Bedauerungsbekundigungen, dem Versprechen einer sofortigen Nachlieferung und der Ankündigung eines dreimonatigen kostenfreien Abos überollt hatte.
Und da war der Punkt gekommen, an dem RayFine nur noch resignieren konnte. Er verliess das Haus und zog sich zurück in den tiefen, tiefen Wald, um dort weit weg von allen Menschen zu sein- und sollte sich doch mal jemand in seine Nähe verirren, dann knurrt er vorsorglich mit wolfsgleichem Grollen und stellt die Nackenhaare auf-
damit bloss keiner auf die Idee kommt, ihn zu fragen ob er vielleicht Hilfe braucht.


....nun, ich gebe zu, ein Großteil der Story ist fiktiv-
aber vielleicht geh ich trotzdem mal RayFine suchen, um ihn mit ein paar gekonnten Sticheleien und Zickentiraden von seinem Sichtum zu befreien ;-)

Wenn das alles nicht helfen sollte:
http://de.youtube.com/watch?v=Ss02sfQin ... re=related


Bis bald,
Deine Gnomorella


....ach ach, ich sehe schon, es sind noch einige Richtigstellungen von Nöten:
1. Kritisiert der Text NATÜRLICH nicht RayFines mutmassliche Griesgrämigkeit-
sondern die kommerzielle Freundlichkeit in unserer Gesellschaft
2. Ist RayFine in der Regel garnicht so griesgrämig-
lediglich ein bißchen soziophob ( ;-)
3. Selbst wenn er es wäre- ich finde Griesgram nicht so schlimm, ich finde, ab und an, mit einem guten Grund, steht er tatsächlich jedem mal zu-
so z.B. mir an diesem Morgen.....

GGGGGGRRRRRRRRRRRRRRRR!
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